Wald und Bäume

Einzelbaum

Merkmale, Morphologie, Typologie:

Einzeln in der freien Landschaft oder an einer bäuerlichen Siedlung stehender Baum.

 

Kulturgeschichte:

Einzelbäume tragen als sichtbare Landmarken zur Eigenart einer Landschaft bei und sind in vielen Orten identitätsstiftend. Ihre kulturgeschichtliche Bedeutung ist mit ihrer historischen Funktion verknüpft:

  • Mittags- oder Vesperbäume an Feldrändern als schattenspendende Pausenorte zur Ern­tezeit.
  • Grenzbäume zur Markierung von Grenzen, die durch einen besonderen Baumschnitt oft eine eigentümliche Wuchsform haben.
  • Direkt am Hof stehende Hof- oder Hausbäume als lebender Holz­­vorrat, Blitzableiter oder Windschutz.
  • Hudebäume, meist mächtige Eichen mit großen, stark verzweigten und ausladenden Baumkronen, die besonders viele Früchte ansetzten und wertvoll für die Eichelmast der Schweine waren.
  • Weid- oder Schattbäume zur Beschattung des weidenden Viehs.
  • Gedenk­bäume, die als Einzelbäume in Dörfern oder an Straßenkreuzungen zur Erinnerung an ein besonderes Ereignis gepflanzt wurden. Der Brauch hatte seinen Anfang wohl in der französischen Revolution (Freiheitsbäume) und setze sich nach Kriegen (Friedens­bäumen) oder bei besonderen Anlässen (Bismarckeichen zur Reichsgründung) fort.
  • Tanzbäume als Treffpunkt für Feierlichkeiten, die durch besonderen Baumschnitt und eingebaute Holzkonstruktionen in ihrer Krone eine betretbare Ebene haben konnten.
  • Gerichtsbäume, oftmals Linden, an denen früher Gericht gehalten wurde ( Thing).
  • Tiebäume (siehe Abb. Kap. 1.6.3) zur Markierung des  Ties.
  • Reiherbüsche waren gezielt angepflanzte Feldgehölze, um Reiherkolonien Nistmöglichkeiten zu bieten, sie auf diese Weise zu konzentrieren und effektiver bejagen zu können. Unter dem Gewicht der Horste und dem Einfluss der Exkremente sind viele zusammengebrochen.

 

Vorkommen/ Verbreitung:

Grenzbäume, Gedenkbäume sowie Mittags- und Vesperbäume sind landesweit verbreitet. Hofbäume sind vor allem in der Geest (z. B. Lüneburger Heide) oder windreichen Gebieten typisch.

 

Erfassung/ Gesetzlicher Schutz:

Alte Einzelbäume mit kulturhistorischer Bedeutung sollten dem NHB gemeldet werden. Vereinzelt können sie bereits als Naturdenkmal geschützt sein, ihre historische Funktion ist dabei jedoch oft unbekannt.

 

Literaturtipps: Küster (1998)

Naturdenkmal Eiche in Helmerkamp, Ldkr. Celle (Foto: Florian Friedrich)


Naturdenkmal Hofeichen in Müden/Aller, Ldkr. Gifhorn (Foto: Florian Friedrich)

Huteeiche Neuenburger Urwald, Ldkr. Friesland (Foto: Christian Wiegand)

Hudewald

Merkmale, Morphologie, Typologie:

Hude- bzw. Hutebäume (meist Eichen, seltener Buchen) weisen imposante ausladende Baumkronen auf mit kräftigen und stark verzweigten Ästen. Um die Fruchtbildung zu erhöhen, standen in einem Hudewald die Bäume in weitem Abstand zueinander. Hudewälder hatten wegen der Beweidung früher kaum Unterwuchs und deshalb einen parkähnlichen Charakter. Ein Hinweis auf einen ehemaligen Hudewald kann neben Wuchsform und Anordnung der Bäume auch die übrige Vegetation sein: Dorn- oder stachelbewehrte (z. B. Stechhülse, Weißdorn, Schlehe, Wacholder), zähe (Heidekraut) oder giftige Pflanzen (Orchideen, Enzian) wurden vom Vieh gemieden, konnten sich daher überdurchschnittlich stark vermehren und sind stellenweise noch heute dominant.

 

Kulturgeschichte:

Hude kommt von hüten und bedeutet Waldweide, d. h. das Eintreiben des Viehs in den Wald zur Mast. Hude wurde seit den Anfängen der Viehhaltung in der Jung­steinzeit betrieben. Eicheln und Bucheckern waren unverzichtbare Bestandteile des Viehfutters. Zugleich führt die Hude jedoch zur Zerstörung der Wälder, weshalb Landesherrn und/ oder Forstbesitzer sie meist nur eingeschränkt und z. T. gegen Bezahlung gestatteten. Nach den Gemeinheitsteilungen des 19. Jahrhunderts wurde die Hude zum Schutz des Waldes i. d. R. verboten und das Vieh auf eingezäunten Weiden gehalten.

 

Vorkommen/ Verbreitung:

Einzelne Hudebäume sind häufig zu finden, seltener sind dagegen Wälder, die noch die typischen Merkmale des Hudewaldes aufweisen. Erhalten sind sie z. B. im Borkener Paradies bei Meppen, im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide, im Hasbruch bei Delmenhorst oder im Neuenburger Urwald bei Varel.

 

Erfassung/ Gesetzlicher Schutz:

Zwar können einzelne Hudewälder durch die Wald­funk­ti­ons­kartierung des Niedersächsischen Forstplanungsamtes erfasst und als Natur- oder Land­schaftsschutzgebiete ausgewiesen sein. Einzelne Hudebäume sind außerdem nicht selten als Naturdenkmal geschützt. Weil dennoch viele anderen Hudebäume und  wäl­der bislang nicht erfasst wurden, sollten sie generell dem NHB gemeldet werden. Sie sind augen­scheinlich an den o. g. Merkmalen zu erkennen

 

Literaturtipps: Burrichter (1986), Küster (1998), Pott & Hüppe (1991)

Huteeiche Duingen, Ldkr. Hildesheim (Foto: Christian Wiegand)

Hornbosteler Hutweide, Ldkr. Celle (Foto: Florian Friedrich)

Hudeeichen Alte Schäferei in Celle (Foto: Florian Friedrich)

Kienharzgewinnung

Merkmale, Morphologie, Typologie:

Fischgrätartig eingeritzte Kerben an Kiefern zur Harzgewinnung

 

Kulturgeschichte:

Das Harz von Nadelbäumen war ein wertvoller Rohstoff, der z. B. zur Terpentinherstellung (v. a. Pinien, auch Kiefern) oder zum Abdichten von Schiffen und Fässern diente.

 

Vorkommen/ Verbreitung:

Kienharzgewinnung war in der DDR verbreitet. Vorkommen in Niedersachsen sind unbekannt und am ehesten im Amt Neuhaus zu vermuten.

 

Erfassung/ Gesetzlicher Schutz:

Durch historische Kienharzgewinnung gezeichnete Baumbestände sollten dem NHB gemeldet werden.

 

Literaturtipps: Küster (1998)

Kopfbaum

Merkmale, Morphologie, Typologie:

Baum, dessen Stamm sich in zwei bis drei Metern Höhe übergangslos in dünnere Äste und Zweige teilt. Kopfbäume zählen zu Schneitelbäumen, die durch regelmäßiges Schneiden der Äste und Zweige eine markante Wuchsform aufweisen. Dabei sind die ehemaligen Schnittstellen mit Baumrinde überwallt und aufgewölbt sind. Früher war neben der Kopf- auch die Astschneitelung üblich. Geeignet waren nur Laubbäume und Eiben. Die bekanntesten Schneitelbäume sind Kopfweiden, daneben sind v. a. Hainbuchen, Eschen und Linden geschneitelt worden.

 

Kulturgeschichte:

Schneitelbäume wurden in kurzen Zeitabständen geköpft, um Laubheu für die Winterfütterung oder Flechtmaterial (Weidenruten) zu gewinnen. Der Länge nach geteilte Weidenzweige dienten auch zur Herstellung von Fassreifen. Die Höhe der Schneitelung sollte verhindern, dass Wild und Vieh die empfindlichen Triebe erreichen konnten. Stellenweise wurden Schneitelbäume in Plantagen angebaut (z. B. Flechtweidenkulturen).

 

Vorkommen/ Verbreitung:

Schneitelbäume mit ihrer typischen Wuchsform sind in Niedersachsen vielerorts zu finden. Vor allem Kopfweiden werden vielfach noch in alter Form geschneitelt und sogar neu angepflanzt. Bestände anderer Baumarten sind seltener.

 

Erfassung/ Gesetzlicher Schutz:

Einzelne Schneitelbäume, Alleepflanzungen und Plan­ta­gen, die in Form und Ausprägung historische Züge aufweisen, sollten dem NHB gemeldet werden.

 

Literaturtipps: Burrichter (1986), Küster (1998), Pott & Hüppe (1991)

Kopfweiden in Helmerkamp, Ldkr. Celle (Foto: Florian Friedrich)

Kopflindenallee Friedhof Neuenkirchen, Ldkr. Heidekreis (Foto: Florian Friedrich)

Schneitelbuchen Belm, Ldkr. Osnabrück (Foto: Christian Wiegand)

Schneitelbuche Wallhecke Große Hedenhorst, Celle (Foto: Florian Friedrich)

Krattwald

Merkmale, Morphologie, Typologie:

Ein Krattwald (auch Stühbusch) besteht wie ein  Niederwald aus Laubbäumen, die regelmäßig auf den Stock gesetzt werden und deshalb bizarre Wuchsformen aufweisen. Im Gegensatz zum Niederwald stehen die Bäume relativ licht, weil der Krattwald gleichzeitig als Waldweide dient. Besonders geeignet sind Eichen (Eichenkratt), mit Einschränkung auch Buchen.

 

Kulturgeschichte:

Krattwälder sind Zeugnisse einer intensiven historischen Waldnutzung. Sie dienten oft nicht nur der Holzproduktion und als Waldweide sondern auch zur Gewinnung von Gerberlohe aus Eichenrinde (Lohwald, Eichenschälwald).

 

Vorkommen/ Verbreitung:

Besonders verbreitet waren Krattwälder in typischen Gebieten der Viehhaltung, z. B. in den Fluß- und Seemarschen, in der Lüneburger Heide, auf der Altenwalder Geest oder im Hümmling.

 

Erfassung/ Gesetzlicher Schutz:

Krattwälder können in Einzelfällen bereits erfasst sein, z. B. im Rahmen der Waldfunktionskartierung (Nds. Forstplanungsamt), im Rahmen der Erfassung der für den Naturschutz wertvollen Bereiche (Nds. Landesamt für Ökologie) oder der Landschaftsplanung. Da diese Untersuchungen lückenhaft und kulturhistorische Werte unberücksichtigt geblieben sein können, sollten Krattwälder dem NHB gemeldet werden.

 

Literaturtipps: Burrichter (1986), Küster (1998), Pott & Hüppe (1991)

Niederwald

Merkmale, Morphologie, Typologie:

Ein Niederwald besteht aus Bäumen, die aufgrund fortgesetzten Schneidens und Wiederaustreibens besonders markant gewachsen sind. Die Stämme sind meist gekrümmt oder verdreht und im Vergleich zum mächtigen Wurzelstock unproportional dünn, aus dem sie oft mit mehreren Trieben sprießen. Ein Niederwald besteht aus Laubbäumen, v. a. ausschlagfreudige Arten wie Hasel, Linde oder Hainbuche, Nadelbäume sind außer der Eibe ungeeignet.

Das Gegen­teil des Niederwaldes ist der heute übliche Hochwald mit seinen gerade gewachsenen, i. d. R. eng beieinander stehenden Bäumen, die erst im schlagreifen Alter gefällt werden. Ein Mittelwald hat einzelne, gerade gewachsene großkronige Bäume, zwischen denen Niederwaldnutzung betrieben wird.

 

Kulturgeschichte:

Niederwälder dienten v. a. zur Brennholzgewinnung und gehen auf vorgeschichtliche Zeit zurück. Dabei wurden die Triebe geschnitten, sobald sie etwa armdick waren. Im Gegensatz zu  Schneitel- bzw. Kopfbäumen fand dies direkt über der Wurzel statt („auf den Stock setzen“). Aus schlafenden Augen im Wurzelstock trieben die Bäume immer wieder aus. Besonders verbreitet waren Niederwälder schon im Mittelalter in der Nähe von Erzvorkommen, um das Holz in  Meilern zu Holzkohle zu verarbeiten. Die krumm gewachsenen Stämme fanden im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit auch beim Bau bauchiger Schiffsrümpfe Verwen­dung. In Bauernwäldern ist die Niederwaldwirtschaft bis in die Nachkriegszeit betrieben worden. Beim Mittelwald dient die Niederwaldschicht der Brenn­holzgewinnung, die Hochwaldschicht produziert Bauholz.

 

Vorkommen/ Verbreitung:

Vor allem in Staatsforsten sind viele ehemalige Niederwälder in Hochwälder überführt worden, um gerade gewachsene Stämme als Nutz- und Bauholz zu produzieren. In Bauernwäldern sind Niederwälder als Relikte noch häufig zu finden. I. d. R. sind sie durchgewachsen, d. h. ihre krummen Triebe haben sich zu kräftigen Stämme entwickelt. Aktuell wird Niederwaldwirtschaft nur noch sehr selten betrieben.

 

Erfassung/ Gesetzlicher Schutz:

Ehemalige oder aktuell genutzte Niederwälder mit typisch geformten Stämmen und Wurzeln sollten dem NHB gemeldet werden. Im Rahmen der Wald­funktionskartierung des Nds. Forstplanungsamtes können einzelne Nieder- und Mittelwälder bereits erfasst sein. Niederwälder ste­hen i. d. R. nicht aus kulturgeschichtlichen Gründen unter Naturschutz, können aber aufgrund ihrer Bedeutung für den Arten- und Biotopschutz als Landschafts- oder Naturschutzgebiet ausgewiesen sein.

 

Literaturtipps: Burrichter (1986), Küster (1998), Pott & Hüppe (1991)

Niederwald Hagen-a.T.W. Ldkr. Osnabrück (Foto: Christian Wiegand)

Niederwald NSG Mastberg Ldkr. Hildesheim (Foto: Christian Wiegand)

Waldwirtschaftliche Gebäude

Merkmale, Morphologie, Typologie:

Gebäude, die in Zusammenhang mit der (historischen) Nutzung des Waldes entstanden sind: Das Forsthaus ist das Wohn- und Wirtschaftsgebäude des Försters. Es liegt i. d. R. in Einzellage, oft am Waldrand, seltener innerhalb des Waldes. Das Waldarbeiterhaus ist ein Wohnhaus für Waldarbeiter, oft in der Nähe des Forsthauses gelegen oder abgesetzt davon am Waldrand. Das Hirtenhaus diente den Hirten des im Wald wei­denden Viehs als temporäre Unterkunft. Der Rinder- oder Schweinestall diente der Viehherde und ihrem Hirten in der Zeit der sommerlichen Waldweide ( Hudewald) als nächtliche Behausung. Gemeinsames Merkmal der waldwirtschaftlichen Gebäude ist die häufige Verwendung des Baustoffes Holz.

 

Kulturgeschichte:

Hirtenhäuser und Ställe reichen zurück in die Zeit der Waldweide ( Hu­dewald). Forsthäuser und Wald­arbeiterhütten sind Zeugnisse planmäßiger Aufforstung, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts durchgeführt wurde und nur unter Aufsicht möglich war.

 

Vorkommen/ Verbreitung:

Forsthäuser sind weit verbreitet, z. B. am Rand großer Forstgebiete. Waldarbeiter- und Hirtenhäuser sind seltener.

 

Erfassung/ Gesetzlicher Schutz:

Forst-, Waldarbeiter- und Hirtenhäuser werden von den Denkmalbehörden zwar grundsätzlich erfasst. Sie können wegen ihrer abseitigen Lage aber übersehen werden und sollten deshalb dem NHB gemeldet werden.

 

Literaturtipps: Küster (1998)

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